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Wieso wird Russland von der Politik abgestraft und der Iran nicht?

Wie beobachten IranerInnen, Exil-IranerInnen oder im Westen lebende Menschen mit iranischen Wurzeln die Proteste in Iran? Mit einem Fragebogen holen wir Stimmen ein. Diesmal: Afsoon, eine aus dem Iran Vertriebene.




Die Proteste in Iran halten seit Wochen an. Mit welchen Gefühlen oder Gedanken beobachten Sie diese aktuell?


Afsoon

Ich bin an erster Stelle extrem beeindruckt von dem Mut der Iraner*innen und gleichzeitig bedrückt es mich sehr, dass man Mut dafür braucht. Schließlich fordern die Menschen dort ausschließlich ihre Menschenrechte ein. Sie wollen vor allem ihr Leben selbstbestimmt, frei in Würde und Gleichheit gestalten. Ich selber bin gefangen zwischen Dankbarkeit und Ohnmacht. Dankbar dafür, dass mir dieser Kampf durch die Flucht meiner Eltern mit mir erspart blieb, ohnmächtig, weil ich soviel mehr leisten und beitragen will, aber feststelle, wie limitiert mein Einfluss ist. Daher versuche ich auf Instagram einen Beitrag dazu zu leisten, dass insbesondere Nicht-Iraner*innen besser einordnen können, worum es aktuell im Iran geht und somit die Identifikation mit den Iraner*innen zu erhöhen.


Haben Sie direkte Kontakte zur Bevölkerung in Iran? Falls ja: Was hören oder lesen Sie dort?

Mein persönlicher Kontakt zur Bevölkerung ist sehr begrenzt, schließlich kenne ich meine Familie nicht persönlich. Ich bin zwar im Iran geboren, aber war nach unserer Flucht nie wieder auf iranischem Boden. Daher möchte ich auch nicht jetzt um die Ecke kommen und Familienmitglieder ggf. in Gefahr bringen, indem sie sich mit mir über die Situation im Iran austauschen. Aber meine Mutter erzählte mir, dass sie mit einer Freundin gesprochen hat, die schon fast 70 ist. Sie erzählte, dass die Demonstrationen eher für die Jüngeren seien, die auch besser weglaufen können, aber sie würde täglich durch die Straßen Teherans gehen und mit den Sicherheitskräften sprechen. Dabei versucht sie die wohl zu besänftigen und ihnen ins Gewissen zu reden, dass "wir doch alle Iran seien und es nicht die Lösung sein kann, sich gegenseitig umzubringen". Die Form des Protests ist also vielseitig.


Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein? In welcher Phase sind die Proteste?

Ich glaube leider, dass es noch sehr viele Tote geben wird. Und je länger der Westen nur schlaffe Worte der Mahnung hervorbringt und keine echten Konsequenzen folgen, wird das Unrechtsregime munter weitermachen. Aber die Mullahs und ihre Schergen haben keinen anderen Flecken Erde, auf dem sie weiter leben könnten. Sie werden sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln an die Macht klammern und wenn dafür 100.000 Menschen sterben müssen. Die Iraner*innen wollen die Mullahs einfach nicht mehr und demnach ist die Forderung wahrlich eine Veränderung des Regimes und der Regierungsform. Ich bin keine Expertin für Revolutionen und Veränderungen in diesem Ausmaße und daher wäre jede Prognose einfach willkürlich. Aber ich denke, dass es kein Zurück zum Vorher mehr geben wird. Entweder wird das IR nun seine Bevölkerung soweit niederknüppeln, inhaftieren und hinrichten müssen und ihnen noch die letzten Fitzel an Freiheiten nehmen oder das Regime wird stürzen. Und in dieser Polarität können wir, die Menschen die in Frieden, Freiheit und Demokratie leben, durchaus einen Unterschied machen. Je mehr Fokus wir darauf legen, je mehr unsere Politik darauf die passenden Maßnahmen ableitet, desto größer ist der Druck auf die Regierung im Iran. Wenn wir weiterhin so zahnlos bleiben, steigt die Wahrscheinlichkeit dass das Regime immer weiter seine menschenverachtenden und widerwärtigen Praktiken fortsetzt, bis auch die letzte kritische Stimme auf die eine oder andere Weise zum Schweigen gebracht wurde.


Anders als viele andere große Proteste und Revolutionen geht diese unmittelbar auf den Aufstand von Frauen zurück. Was macht die feministische Revolution so besonders?

Es ist eine von Frauen geleitete Revolution, die einfach komplett die Schnauze voll haben von der tagtäglichen Bevormundung, den stetigen Demütigungen und Herabsetzungen durch die politische Elite des Landes. Und was hierbei besonders ist; sie werden von den Männern dabei unterstützt. Von all jenen Männern, denen man hier im Westen Chauvinismus unterstellt. Der Grund hierfür ist für mich recht ersichtlich. Die Iraner haben erkannt, dass es niemals einen freien Iran geben kann, wenn nicht die Frauen frei sind. Es geht hier also nicht ausschließlich darum, Frauenrechte einzufordern, sondern sie fordern einen säkularen und freien Iran. Beides mit den Mullahs absolut indiskutabel. Demnach ist es ein Novum, dass Frauen in der Führung solche Forderungen stellen und so breite Unterstützung erfahren.


Hierzulande – in Deutschland als auch anderen westlichen Ländern – wird das Thema in den Medien überlagert von anderen Themen wie dem Ukraine-Krieg. Was muss sich tun, um dies zu ändern?

Ukraine ist ein ebenso wichtiges Thema und sollte genauso wenig durch die Situation im Iran überlagert werden, wie andersherum. Ich frage mich eher, wieso man die Parallelen in beiden Zuständen nicht thematisiert und sieht? In beiden Fällen sind es despotische Regierungen, die auf Basis von Mord und Krieg, Russland gegen die Ukraine, Iran gegen die eigene Bevölkerung, ihre Machtstellung ausbauen und erhalten wollen. Und die Beziehungen zwischen dem Iran und Russland, die noch nie so eng war wie aktuell, ist dabei auch nicht zu verkennen. Sie destabilisieren gezielt die Welt um die Vormachtstellung der westlichen Demokratien zu schwächen. Hand in Hand tun sie das. Wieso wird Russland dann aber als der große Aggressor dargestellt und von der Politik abgestraft und der Iran nicht?

Zusätzlich zu dieser Frage beobachte ich, dass man aus dem Westen mit den Ukrainer*innen eher sympathisiert und mitfühlt, weil es sich bei ihnen um Europäer handelt und sie den Menschen im Westen so viel ähnlicher sehen. Und ich rede wahrlich vom Aussehen. Dabei darf und sollte Menschlichkeit und Empathie nicht auf Ähnlichkeit basieren, sondern auf der gemeinsamen Maxime von Menschenrechte, Würde und Freiheit. Und genau das sind doch unsere Werte, für die die Iraner*innen aktuell ihr Leben riskieren.

Also muss sich der Westen den Vorwurf gefallen lassen, nicht an den dunklen Haaren und dunklen Augen vorbei schauen zu können um zu erkennen, dass der Großteil der Iraner*innen im Grundsatz westlich eingestellt ist und dem Westen von ihren Werten und teils auch Verhaltens- und Denkweisen ähnlich sind.

An der Stelle würde ich also ansetzen: zu unterstreichen, dass unsere Werte und Freiheiten nur dadurch gestärkt werden können, wenn wir andere Länder, die danach dürsten und dafür bereit sind zu sterben, dabei solidarisch und uneingeschränkt zur Seite stehen. Wir alle profitieren davon.


Was ist Ihre Prognose: In welche Richtung wird sich Iran bzw wird sich der Aufstand in den kommenden Monaten entwickeln?

Die Situation, Interessen und Gemengelage ist extrem komplex und es ist ziemlich offensichtlich, dass sich die internationale Politik vor einer Veränderung des aktuellen Gleichgewichts fürchtet. Ich vermute, dass das Regime weiterhin mit maximaler Brutalität die Proteste niederschlagen wird. Die Menschen im Iran wollen aber ganz sicher keine Einmischung von außen. Alle sind sich bewusst, dass eine Einmischung von außen bisher nur noch größeres Leid gebracht hat. Die Iraner*innen wollen das Regime selber und alleine stürzen, für ihr gemeinsames Ziel: ein demokratischer Iran ist, in welchem Religion und Staat strikt voneinander getrennt sind. Wenn die Revolution erfolgreich wird, brauchen die Iraner*innen ein Referendum, wo sie selber entscheiden in was für einer Regierungsform sie in Zukunft geführt werden wollen. Doch bis wir soweit sind, wird es noch sehr viel Leid, Schmerz, Enttäuschung aber auch Hoffnung geben. Ich wünsche mir insbesondere für die Menschen vor Ort, aber auch für die ganze Welt, dass dieses menschenverachtende System jetzt endgültig scheitert und vor allem, dass unsere Deutsche Demokratie auf der richtigen Seite der Geschichte steht.


Afsoon wurde 1984 in Teheran geboren und ist gemeinsam mit ihren Eltern nach Deutschland geflohen. Seither war sie nie wieder in ihrem Geburtsland und kennt den Iran nur aus den Erzählungen ihrer Eltern. Sie beschäftigt sich hauptberuflich mit Veränderungen von und in Organisationen. Aktuell beobachtet sie die Entwicklungen und den Veränderungsimpuls im Iran, allerdings aus Perspektive einer Vertriebenen, die das erste Mal das Gefühl von Heimat im Bezug auf den Irans spürt und dieses auf Instagram verarbeitet.

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