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Terroranschlag in Kerman: Eine Gelegenheit, mit „Feinden“ abzurechnen



Bei zwei Terroranschlägen in Kerman starben nach offiziellen Angaben 90 Menschen und mehr als 200 Personen wurden verletzt

Die Terrorattacke in der iranischen Stadt Kerman mit 90 Toten und mehr als 200 Verletzten sorgt für heiße Diskussionen über die möglichen Täter. Es ist zu befürchten, dass das Regime die Gelegenheit ausnutzt, um unliebsame Personen zu schikanieren oder gar zu inhaftieren.


Es ist ein altes Muster in der Islamischen Republik Iran: Die Sprachrohre der islamischen Hardliner beschuldigen oder beschimpfen jemanden, und die Justiz wird gegen diese Person aktiv. Am 7. Januar wurde bekannt gegeben, dass „gegen sieben bekannte Personen“, die sich bezüglich des blutigen Terroranschlags in der südiranischen Stadt Kerman nicht regimekonform geäußert hätten, Anklage erhoben wird. Justizchef Mohseni Ejehi drohte „all jenen, die bezüglich des Attentates die Aussagen des Feindes wiedergeben“. Von Richtern und Staatsanwälten verlangte er, diese Menschen zu bestrafen, denn „sie verletzten die Herzen der gläubigen Menschen“.


Von den sieben „bekannten Personen“ wurde nur ein Name erwähnt: Sadegh Zibakalam. Der Soziologe gehört dem Lager der sogenannten Reformer im islamischen System an und hat immer wieder die Politik der Hardliner kritisiert. Nach dem Terroranschlag in Kerman sagte der Universitätsdozent in einem Interview mit dem im Iran verbotenen Fernsehsender Voice of America, der Bombenanschlag könne weder das Werk der Islamischen Republik noch von den Vereinigten Staaten oder Israel geplant gewesen sein. Zibakalam verurteilte in dem Interview Israels Angriffe auf palästinensische Gebiete, betonte jedoch, dass Israelis bei Anschlägen in anderen Ländern „keine Massentötungen begehen und nur das Ziel ins Visier nehmen“.


Damit lenkte er den Zorn der den Hardlinern nahestehenden Medien auf sich. Die radikalislamische Zeitung Kayhan warf ihm vor, „die Verbrechen des zionistischen Regimes“ zu rechtfertigen und bedauerte Student:innen, die von „so einem stumpfsinnigen“ Dozenten unterrichtet werden. Und sofort gab die Justiz bekannt, Zibakalam anklagen zu wollen. 


Die sechs anderen „Beschuldigten“ sollen sich ähnlich geäußert und an der Beteiligung von Israel oder den USA an der Bluttat gezweifelt haben.


Seit dem Terroranschlag in Kerman am 3. Januar wiederholen viele Amtsträger und einflussreiche Hardliner um das iranische Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Khamenei wie in einer Endlosschleife, dass Israel und die USA hinter dem Anschlag stünden. Das Attentat galt einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Tötung von General Qassem Soleimani. Dabei starben nach offiziellen Angaben 90 Menschen, mehr als  200 wurden verletzt.

Soleimani war am 3. Januar 2020 im Irak durch einen gezielten Drohnenangriff der USA getötet worden. Der damalige US-Präsident Donald Trump hatte Soleimani den „Terroristen Nummer eins weltweit“ genannt. Iranische Regime-Anhänger:innen sehen in ihm einen Helden. Für die Verantwortlichen der Islamischen Republik war schon an diesem 3. Januar klar: Israel sei der Drahtzieher und die USA hätten dabei geholfen.


Auch nachdem die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) die Verantwortung für den Anschlag in Kerman übernommen hat, halten die Hardliner in der Islamischen Republik an ihrer Version fest. Die Zeitung Kayhan schrieb, der IS habe im Auftrag Israels und der USA gehandelt. Und am Montag, den 8. Januar, ließ der Parlamentsabgeordnete Mehdi Saadati wissen, dass Israel allein für die Tat verantwortlich sei – und sich „damit die Abschaffung des zionistischen Regimes“ beschleunigt habe: „Sie wird schneller geschehen als von unserem geliebten Führer prophezeit“, so Saadati.


Khamenei hatte vor etwa acht Jahren vorausgesagt, dass Israel „die nächsten 25 Jahre nicht erleben wird“. 


„Größere Katastrophe verhindert“


Seit dem 3. Januar wird in den sozialen Netzwerken über die zwei Selbstmordattentäter und die Hintermänner der Tat heiß diskutiert. Zahlreiche Nutzer:innen stellen die Frage, warum die Angehörigen von Qassem Soleimani und Amtsträger der Provinz Kerman oder der Revolutionsgarde nicht an der Veranstaltung teilgenommen hatten. „Weil sie über das Attentat informiert waren“, so die Vermutung vieler Nutzer:innen.


Ihr Verdacht wurde durch die Aussagen von Ali Tavakoli, dem Leiter der Justizabteilung der Streitkräfte, und des Staatsanwalts der Provinz Kerman, Mehdi Bakhshi, verhärtet: „Wir hatten Nachrichten über Drohungen des Feindes und in Kerman wurden bereits 16 Bomben entdeckt und entschärft, die speziell für die Veranstaltung bestimmt waren“, sagte Ersterer. Insgesamt seien im Iran 60 Bomben entdeckt wurden, die für die Veranstaltungen anlässlich des Todestages von Soleimani gebastelt worden seien. Seine Aussagen wurden zum Teil vom Staatsanwalt Bakhshi bestätigt.


Daraufhin kam unter Aktivist:innen der sozialen Netzwerke die Frage auf, warum die Veranstaltung nicht abgesagt wurde: „Weil das Regime Märtyrer braucht“, schrieben die einen. „Sie haben nicht einmal mit ihren eigenen Anhängern Erbarmen“, kritisierten andere.

Diese Kritiken veranlassten die Revolutionsgarde zu einer Stellungnahme: die Aussagen von Tavakoli und Bakhshi seien falsch. Auch Rahman Jalali, stellvertretender Gouverneur der Provinz Kerman, widersprach am Montag den Aussagen der beiden Politiker und teilte mit: das Gouverneursamt sei zu dem Ergebnis gekommen, dass es vor beiden Anschlägen keine Bombenfunde in der Stadt Kerman gegeben habe. Die 16 Bomben seien im vergangenen Jahr während der landesweiten Aufstände entdeckt worden. Jalali zufolge haben die Sicherheitsbehörden „gute Arbeit“ geleistet und eine größere Katastrophe verhindert. Denn die beiden Selbstmordattentäter hätten sich an Kontrollpunkten in die Luft gesprengt und nicht bei der großen Versammlung selbst.


In Zusammenhang mit den Anschlägen in Kerman seien 32 Personen inhaftiert worden, melden iranische Medien. Einer von ihnen könnte ein Anwalt sein, der die offizielle Lesart des Attentates in Frage gestellt haben soll. Dessen Verhaftung hatte der Justizchef am Montag bekanntgegeben, ohne allerdings seinen Namen zu nennen.


Nicht selten hat die iranische Justiz in prekären Situationen unliebsame Personen als „Mitschuldige“ oder „Nestbeschmutzer“ verhaftet. Deshalb darf man gespannt sein, wer bisher im Zusammenhang mit dem Blutbad in Kerman inhaftiert wurde und wer eventuell noch verhaftet wird.♦


Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des IranJournal

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