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LGBTQI im Iran: drakonische Korrekturmethoden als „medizinische Therapie“

Die LGBTQI-Community steht im iranischen Gesundheitssystem unter massivem Druck. Dies stellte 6Rang, das Netzwerk der iranischen Lesben und Transgender, in seinem aktuellen Bericht fest. Der Druck ziele auf die „Änderung“ sexueller Neigungen beziehungsweise der sexuellen Identität ab, fasst der Bericht zusammen.


Von Iman Aslani


Dem Bericht der Interessenvertretung 6Rang unter der Überschrift „Folter als Therapie: Massive Peinigung der LGBTQI-Community durch Korrekturmethoden“ liegen laut der Organisation Aussagen von 210 Angehörigen der LGBTQI-Community in 25 iranischen Provinzen zugrunde. 110 davon hätten die drakonischen „Therapiemethoden“ am eigenen Leib erlebt, fast die Hälfte davon sei minderjährig gewesen. Die Mehrheit der Betroffenen wurde demnach zur Therapie gezwungen – und zwar unter anderem von ihrer eigenen Familie. Familien würden ebenso wie medizinisches Fachpersonal sowohl bei der Entscheidung für als auch bei der Durchführung dieser „Korrekturmethoden“ die wichtigste Rolle spielen, so 6Rang. Die meisten Opfer der angeblichen Therapien seien homosexuelle Männer, die zweitgrößte Gruppe homosexuelle Frauen. Darauf folgten Bisexuelle, Transgender und weitere sexuelle Minderheiten.


Ihnen werden laut dem Bericht beispielsweise Psychopharmaka verschrieben und verabreicht, um ihre sexuelle Neigung zu „korrigieren“ beziehungsweise ihre sexuelle Identität zu ändern. Neun der von 6Rang Befragten sollen auch mit Elektroschocks „behandelt“ worden sein. Außerdem würden die Opfer mit Psycho- und Verhaltenstherapie zu heterosexuellem Geschlechtsverkehr gezwungen beziehungsweise „angeregt“. Hinzu kommen unter anderem religiöse Praktiken. Angehörige der iranischen LGBTQI-Community werden dem Bericht zufolge dazu gedrängt, ihre Bekleidung und ihr Verhalten in der Öffentlichkeit zu ändern, ihren Freundeskreis und ihre Hobbys aufzugeben, sich von ihren Partner:innen fern zu halten und heterosexuelle Ehen zu schließen. Durch den Konsum von Pornographie sollen ihre sexuellen Empfindungen „in die richtige Bahn“ gelenkt werden.



Bei einer Parade in Teheran fahren die paramilitärischen Basidjis über eine Regenbogenfahne, um ihren Hass auf die LGBTQI-Community zu demonstrieren

Die drastischen Maßnahmen, die in vielen Ländern seit Jahren verboten sind, haben bei Betroffenen laut der 6Rang-Befragung unter anderem zu Depressionen, Selbstmordgedanken, Schlafstörungen, Gedächtnisverlust oder Stottern geführt. „Durch die Kriminalisierung der Homosexualität sind die Betroffenen dem Gesetz und Behandlungspersonal hilflos ausgeliefert“, konstatiert Shadi Amin, die Leiterin des Netzwerks 6Rang. Sie hätten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen.


Das spiegelt sich auch im Bericht wieder. 90 Prozent der an der Befragung teilnehmenden Personen, die einer „Korrekturtherapie“ unterworfen wurden, berichten laut 6Rang von verbalen und psychischen Schikanen durch das Fachpersonal während der Behandlung. 60 Prozent haben Zwang und Kontrolle erlebt. Von Gewalt und physischen Schikane waren demnach 30 Prozent der Teilnehmenden betroffen.


Offiziell existieren die Methoden nicht


Die Islamische Republik Iran weist den Vorwurf der Verwendung von Elektroschocks und anderen „Korrekturmethoden“ gegenüber Homosexuellen auf internationaler Ebene stets zurück. Für 6Rang gilt durch die Studie jedoch als erwiesen, dass solche Methoden im Iran in großem Stil praktiziert werden.


Das Netzwerk der iranischen Lesben und Transgender hatte 2018 bereits einen ähnlichen Bericht veröffentlicht, der ebenfalls auf Befragungen von Angehörigen sexueller Minderheiten im Iran beruhte. Er hatte unter anderem festgestellt, dass psychiatrische Einrichtungen Angehörige der iranischen LGBTQI-Community mit staatlicher Unterstützung schikanierten und psychisch folterten, um ihre sexuellen Neigungen und Identitäten zu verändern.

Shadi Amin ermunterte Menschenrechtsorganisationen, ähnliche Berichte zu veröffentlichen, um internationale Aufmerksamkeit zu wecken. Dies würde den politischen Druck auf die Islamische Republik erhöhen sowie Ärzt*innen und Psycholog*innen zum Handeln bewegen, die einen akademischen Austausch mit dem Westen pflegen.


Jede sexuelle Orientierung außer der Heterosexualität wird im Iran als „pervers“ und „krank“ abgelehnt. Gegen Homosexuelle werden Peitschenhiebe, Haftstrafen und in manchen Fällen auch Todesurteile verhängt. Aufklärungsarbeit über sexuelle Neigungen und Identitäten oder Rechte der LGBTQI-Community kann als „Verdorbenheit auf Erden“ ebenfalls mit dem Tod bestraft werden. Sexuelle Minderheiten sind starken Diskriminierungen ausgesetzt. Sie müssten sich Hormontherapien oder Geschlechtsumwandlungen unterziehen, berichten Menschenrechtsorganisationen.♦




Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des IranJournal

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