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Free Human: „Kunst ist eine der stärksten Waffen“


„Free Human“ (Instagram) heißt eine Initiative aus Köln, die im September 2022 gegründet wurde: knapp über ein Dutzend Frauen und Männer mit und ohne iranische Wurzeln organisieren Informationsabende, initiieren Menschenketten und Mahnwachen sowie Demos. Zoya Sepehri, eine der AktivistInnen, stellt die Initiative vor und beschreibt die aktuelle Lage im Iran.


Wie und mit welcher Mission hat sich „Free Human“ konstituiert?

Wir haben uns, im September 2022 nach dem Tod Jina Aminis und den ersten Protesten, die brutal niedergeschlagen wurden, zusammengefunden. Da wir gesehen haben, dass die meisten bereits vorhandenen Organisationen auf persisch oder vorwiegend auf persisch berichten, haben wir beschlossen uns zu organisieren, um die nicht-iranische Gemeinschaft insbesondere aufzuklären. Dabei möchten wir die Stimme der Revolution in Deutschland widerhallen. Die schreckliche Tatsache, dass es immer noch Staaten gibt, in der nicht mal Grundrechte gewährleistet sind, hat uns dazu motiviert, die Gruppe “Free Human“ zu gründen.


Wie seid ihr organisiert?

Wir sind eine politisch unabhängige, bunt gemischte Gruppe. Für uns spielen Religion und politische Zugehörigkeit keine Rolle, solange Menschenrechte und Freiheit geachtet werden. Wir setzen uns ein für die Menschen in Iran und unterstützen ihren Kampf um ihre Grundrechte, indem wir als Schallverstärker fungieren.

Daher organisieren wir Mahnwachen, Demos, Menschenketten und vor allem Informationsabende. Zuletzt haben wir einen Smartmob organisiert, bei dem ca. 1000 Menschen mitgemacht haben.



Demonstration gegen das iranische Regime in Köln

Welche Aktionen stehen bei euch aktuell im Vordergrund? Was plant ihr für die nächsten Monate?

In diesem Monat finden zwei Lesungen statt. Die erste Lesung ist am 7.6.23 in Kooperation mit Vision of Iran (Iranian Film Festival Cologne) im Literaturhaus Köln. Shole Pakravan wird aus ihrem Buch „Wie man ein Schmetterling wird“ vorlesen. Sie erzählt das kurze, aber mutige Leben ihrer Tochter, die 2014 hingerichtet worden ist. Das Iranische Filmfestival zeigt als Eröffnungsfilm ‚Seven Winters in Teheran‘, den Dokumentarfilm über Reyhane Jabbari. Hier sind wir Kooperationspartner.

Die zweite Lesung erfolgt im Allerweltshaus mit dem iranisch- deutschen Frauenverein. Es tragen zwei Dichterinnen, Meral Sismek und Soheila Mirzaei, ihre Gedichte vor und ich lese aus meinem Buch „Im Namen des Regenbogengottes“ vor.

Am 15.6.23 findet ein Großauftakt in Berlin statt. Diesen planen wir mit anderen Organisationen mit und sind auch mit einem Stand dabei. Danach haben wir mehrere Informationsabende in Vorbereitung, und wenn alles klappt, gibt es noch im August ein kleines Konzert, „Rap4Freedom“. Und am 17.6. sind wir mit Amnesty International Köln auf dem Tag der Begegnung vom LVR.



Eine Mahnwache Ende Oktober 2022 in Köln.

In welcher Phase ist die Revolution im Iran aktuell?

Zwar erreichen uns weniger Bilder von den Protesten, aber die Revolution ist deshalb nicht zu Ende. Sie hat sich andere Formen gesucht. Denn die Menschen in Iran lieben ihr Leben genauso wie überall auf dieser Erde. Bereits jetzt sind mehr als 30.000 Menschen festgenommen, viele ermordet oder hingerichtet worden. Es gab bereits mehr als 230 Exekutierte in diesem Jahr. Die Dunkelziffer liegt bei all dem viel höher. Die Bevölkerung übt zivilen Ungehorsam. Bilder und Videos von unverschleierten Frauen erreichen uns täglich. Obwohl Kameras installiert sind und Frauen mit Geldstrafen bis hin zu Haftstrafen bestraft werden, gehen sie ohne Kopfbedeckung auf die Straße. Man sieht tanzende und singende Menschen. Auch das ist in einer Theokratie nicht erlaubt. Vielerorts wird gestreikt. Bilder, Videos und vor allem revolutionäre Lieder werden verbreitet.


Welche Rolle spielt die Kunst?

Die Kunst gibt der Revolution ein neues Gesicht. Die Revolution im Iran hat die Kunst für sich gewonnen. Kreativ und künstlerisch wird die Solidarität mit der Freiheitsbewegung gezeigt. Mit Rap und Graffiti werden die Mullahs bekämpft. Graffiti und Street Art haben sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Ausdrucksmedium für die Protestbewegung im Iran entwickelt. Die Bilder und Slogans auf den Mauern der Städte dokumentieren den Widerstand gegen das Regime und verbreiten die Botschaften der Demonstranten. Die Texte der Rapper sind geprägt von politischen und sozialen Themen und setzen sich mit der Unterdrückung im Land auseinander. Dabei riskieren die Künstler viel: Ihre Musik wird oft von den Behörden zensiert, und sie werden verhaftet oder sogar gefoltert.

Dabei geht es nicht nur um politische Themen, sondern auch um die kulturelle Vielfalt im Iran. Graffiti-Künstler setzen ein Zeichen für die Rechte von Frauen, für die Freiheit der Kunst und für die Würde aller Menschen. Kunst ist eine der stärksten Waffen der Demonstranten. Bilder, die durch die Proteste erzeugt werden, spielen eine wichtige Rolle. Sie können die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Probleme lenken und das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Veränderungen erhöhen.

Bereits der deutsche Künstler Joseph Beuys sagte, dass jeder Mensch eine kreative Kraft in sich trägt und dass es die Aufgabe der Kunst ist, diese Kraft zu entfesseln und zu aktivieren. Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität. Er sah Kunst als Mittel für sozialen und politischen Wandel an und nutzte oft seine Kunstwerke als Plattform, um seine Ideen auszudrücken und soziales Engagement zu fördern. Beuys' kreative Kraft und seine Ideen zur Kunst als Mittel für sozialen und politischen Wandel werden auch im Iran genutzt, um die Situation von Frauen zu visualisieren


Besonders seit Jahresbeginn scheint die Diaspora verstritten zu sein, und zwar international – kristallisierend an der Person von Schah-Sohn Pahlavi – wie auch hier in Deutschland. Macht euch das Sorgen?

Nicht wirklich. Da im Iran nicht erst seit der islamischen Regierung, sondern auch zuvor Meinungsfreiheit nicht oder nur begrenzt möglich war, müssen die Menschen in einen Diskurs treten. Die Atmosphäre ist natürlich geprägt von Misstrauen und Bedenken, denn die IR hat überall ihre Spitzel und Unruhestifter. Wichtig ist, dass wir das Miteinander-Sprechen nicht aufgeben. Das ist eben nicht passiert. Es lösen sich Verbündete, und neue Partnerschaften werden geknüpft. Man lernt erst jetzt wirklich einander kennen. In all den Jahren der erdrückten Gedanken haben wir uns auch in der Diaspora aus den Augen verloren. Dank dieser Revolution sind wir alle aus unseren Schneckenhäusern herausgekommen. Es ist ganz natürlich, dass wir uns jetzt viel austauschen müssen, um unsere Ziele und Visionen beurteilen zu können. Gerade in einer Demokratie muss man abwägen, mit wem man eng zusammenarbeiten möchte oder nicht. Wichtig an der ganzen Situation ist nur, dass wir das Wesentliche nicht aus den Augen verliere und das ist unser Ziel: die Abschaffung der islamischen Regierung. In einem sind wir uns alle ganz klar: Das islamische Regime ist ein Terrorregime. Es ist unser aller Feind.


Wie können diese Differenzen beigelegt werden? Und welche Rolle möchtet ihr dabei spielen?

Differenzen können im Dialog beseitigt werden. Aber müssen alle Kontroversen abgeschafft werden? Ich denke nicht. Wichtig ist, dass wir unsere Linien und Grenzen offenlegen, damit man das Ausmaß einer Zusammenarbeit festlegen kann. Wir sind offen für alle Gruppierungen – wir grenzen niemanden aus. Wir laden alle auf unsere Veranstaltungen ein und versuchen, auch an allen nicht von uns organisierten Aktionen teilzunehmen. Ich kann in aller Bescheidenheit sagen, dass wir diesem Ziel bisher auch gut nachgekommen sind.


Ein mutiger Ausblick: Wie soll der Iran 2025 aussehen?

Ein freier, demokratischer Iran. Eine Heimat für alle Menschen, denn der Iran ist wie ein bunter Teppich voller Gerüche, Völker, Bräuche, Sprachen und Glauben. Ein Zuhause, in dem alle Menschen gleichberechtigt sind unabhängig vom Geschlecht, Ethnie, politische oder religiösen Zugehörigkeit.

Ein Iran, in dem der Wind durch mein Haar kreist und ich auf den Straßen singen und tanzen kann. Auch wenn ein jener von uns sich an manchen Tagen machtlos fühlt – aber wir wissen, dass die Freiheit ein besonders kraftvoller Gedanke ist, und sie setzt sich gegenüber all den anderen Verlangen durch. Und die Hoffnung ist ihr Triebwerk.

Und wie Heraklit schon 500 v.Chr. so treffend feststellte: Wer nicht hofft, wird Unverhofftes nicht finden, denn es ist unausführbar und unzugänglich - daher verlieren wir nicht die Hoffnung.

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