top of page

Kein Krieg mit den USA, aber auch kein Frieden



Am Wochenende starteten die US-Vergeltungsangriffe auf Stellungen der vom Iran unterstützten Milizen in Irak und Syrien. Aber weder der Iran noch die USA haben Interesse an einem weiteren Krieg in der Region.

Die USA wollen den Drahtzieher für den Angriff Ende Januar auf eine US-Basis in Jordanien nahe der Grenze zum Irak gefunden haben. Drei US-Soldaten waren bei dem Drohnenangriff ums Leben gekommen. "Wir glauben, der Anschlag wurde von einer Dachorganisation namens Islamischer Widerstand im Irak geplant, finanziert und durchgeführt", sagte Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats, John Kirby. Der "Islamische Widerstand" im Irak gilt als eine vom Iran unterstützte Miliz.

Am Wochenende haben die USA Vergeltungsangriffe gegen pro-iranische Stellungen in Syrien und im Irak gestartet. Die Militäraktion erfolgt inmitten massiver Spannungen im Nahen Osten infolge des Krieges zwischen Israel und der islamistischen Terrororganisation Hamas. Befürchtet wird eine mögliche direkte Konfrontation zwischen den USA und dem Iran.


Iran weist Vorwürfe zurück und droht


Der Iran selbst hat der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA zufolge jede Verwicklung in den Angriff verneint. "Wir wollen keinen Krieg, aber wir haben auch keine Angst davor", zitiert die Agentur den Kommandanten der iranischen Revolutionswächter, General Hossein Salami. "Wir sind keine Kriegstreiber. Wir verteidigen uns und unseren Ruhm."

Auch Außenminister Hossein Amir-Abdollahian forderte die USA auf, von Bedrohungen und Schuldzuweisungen abzusehen und sich auf eine politische Lösung zu konzentrieren. Die Antwort des Irans werde angesichts der Drohungen prompt und entschlossen sein.

Es sei grob vereinfachend, jeden einzelnen Schritt einer mit dem Iran verbundenen Miliz allein auf die Entscheidungen aus Teheran zurückzuführen, sagte Hamidreza Azizi, Iran-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), am vergangenen Freitag. Der Iran unterstütze eine Vielzahl von bewaffneten Gruppen im Ausland, darunter die Huthi-Milizen im Jemen, die Kataib-Hisbollah im Irak und die Hisbollah im Libanon. "Zusammen bilden sie eine 'Achse des Widerstands' gegen Israel und die USA."


Die Unterstützung umfasse die Bereitstellung von Waffen sowie logistische und wirtschaftliche Hilfeleistungen. "Auf dieser Grundlage kann man durchaus feststellen, dass die kollektive Entscheidung für eine Eskalation gegen die USA und Israel als Reaktion auf den Krieg in Gaza von all diesen Gruppen mit Unterstützung des Irans koordiniert getroffen wurde", so der promovierte SWP-Experte Azizi, der vor seinem Wechsel nach Deutschland 2020 an iranischen Universitäten zu regionaler Sicherheit forschte. Allerdings hätten die einzelnen Gruppen auf taktischer und operativer Ebene erhebliche Autonomie, insbesondere bei der Auswahl der Angriffsziele. "Insofern ist eine Beurteilung schwierig, inwieweit der Iran beteiligt war."


Es sei wenig wahrscheinlich, dass der Iran von den Angriffen nichts wusste, sagt auch der Iran-Experte Ali Fathollah-Nejad. Denn die Situation im Nahen Osten sei für die Islamische Republik hoch gefährlich, so der Gründer des Berliner Center for Middle East and Global Order (CMEG) im Schweizerischen Fernsehen SRF.


Man habe sehr darauf geachtet, in keinen direkten Konflikt mit den USA oder Israel zu geraten. Denn ein daraus resultierender Krieg würde die Sicherheit des Regimes in Teheran gefährden. "Das ist den Machthabern in Teheran durchaus bewusst."


Ringen um Einfluss in Grenzgebieten


Der Drohnenangriff auf die US-Militärbasis al-Tanf vom Ende Januar fand in einer Region statt, die bis 2015 noch von der dschihadistischen Terrororganisation Islamischer Staat (IS) kontrolliert worden war.

In den vergangenen Jahren wurde der IS weitgehend zerschlagen. Ausländische Akteure übernahmen jetzt die Kontrolle über das Gebiet. Die USA sind dort mit Zustimmung der jordanischen Regierung präsent. Ihre Streitkräfte sollen die verbliebenen IS-Milizen so weit wie möglich einhegen.


Nach einer jüngsten Studie der International Crisis Group (ICG) ist auch der Iran dort stark vertreten. Allerdings sei die Dimension der iranischen Kräfte schwer einzuschätzen, so die ICG. In Washington fürchte man, der Iran wolle einen Ost-West-Korridor auf dem Landweg durch den Irak und Syrien errichten, der den bereits bestehenden Luftkorridor ergänzen würde. Somit wäre der Iran in der Lage, die Hisbollah im Libanon, also direkt am Mittelmeer, mit Waffen zu beliefern.


Der Iran wiederum wolle verhindern, dass die USA in der Nord-Süd-Richtung die Wegstrecke von der türkischen bis zur jordanischen Grenze kontrolliert, heißt es in der ICG-Analyse. So würde der Iran von seinen Verbündeten und Stellvertretern in der Region abgeschnitten.


Weitere Provokation nicht ausgeschlossen


Der Iran würde am liebsten die USA aus der Region "vertreiben", wie das geistliche und politische Oberhaupt Ali Chamenei sagte. Der Krieg in Gaza werde deswegen in Teheran als geeignete Gelegenheit betrachtet, den Druck auf die USA zu erhöhen, stellt Politologe Azizi fest. Wiederholte Angriffe auf die US-Ziele in der Region könnten die USA dazu zu bringen, Israel dazu zu bewegen, den Krieg mit der Hamas schnellstens zu beenden.

"Infolgedessen kam es zu einer Arbeitsteilung zwischen den mit dem Iran verbündeten Gruppen", so Azizi. "Dabei übernahmen die Huthi-Milizen die Aufgabe, Stress im Roten Meer zu machen, während die irakischen Milizen Druck auf die USA im Irak und im östlichen Syrien ausüben."


Allerdings gelte es bei allen Aktionen, amerikanische Verluste zu vermeiden, so Azizi. "Der Iran und seine Verbündeten wussten, dass amerikanische Todesopfer eine entschlossenere Reaktion Washingtons auslösen würden. Und Teheran wünscht sich keinen Krieg mit Washington."


Von Kersten Knipp, Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika


Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Welle

Yorumlar


bottom of page