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Iranisch-saudische Annäherung: Mehr als Symbolpolitik?

Der Iran und Saudi-Arabien haben sich auf einen Neubeginn ihrer Beziehungen verständigt. Im Iran hofft man auf Investitionen, in Saudi-Arabien auf Stabilität und Sicherheit.



Auf Vermittlung Chinas haben sich Saudi-Arabien und der Iran im März auf die Wiederaufnahme ihrer diplomatischen Beziehungen geeinigt. Bis zum 9. Mai sollen Botschaften und Konsulate beider Länder wiedereröffnet werden. Zum ersten Mal seit der Islamischen Revolution von 1979 im Iran wurde gar ein saudischer König zu einem Staatsbesuch nach Teheran eingeladen. Das teilte ein Sprecher des iranischen Außenministeriums am Montag mit. Präsident Ebrahim Raisi reagiere damit auf eine Einladung, die er nach Saudi-Arabien erhalten habe, hieß es weiter.


Beide Länder betrachten sich eigentlich als Rivalen. Beide beanspruchen eine Führungsrolle in der islamischen Welt. Der Iran sieht sich als Schutzmacht der Schiiten. Das saudische Könighaus beansprucht diese Rolle für die Sunniten. Die Annäherung zwischen den rivalisierenden Staaten wurde in Peking verkündet und gilt als ein wichtiger Vermittlungserfolg für China. Die Führung in Peking hat mit beiden Seiten intensive wirtschaftliche Kooperationen.


Saudi-Arabien hält nun "rasche Investitionen" im Iran für möglich. Jedenfalls "solange der gute Wille anhält", sagte der saudische Finanzminister Mohammed al-Dschadan Mitte März. Auf einer Finanzkonferenz in Riad teil er mit: "Unser Ziel - und ich denke, das hat unsere Führung sehr deutlich gemacht - ist eine Region, die stabil ist und die in der Lage ist, zu blühen und ihre Menschen zu versorgen. Und es gibt keinen Grund, warum das nicht geschehen sollte."


Saudi-Arabien möchte seine Wirtschaft diversifizieren. Im Rahmen des Programms "Vision 2030" hat die Regierung in Riad mehrere Giga-Projekte gestartet. "Für den Aufbau der Infrastrukturen könnte Saudi-Arabien aus dem Iran Rohmaterial wie Zement, Eisen oder Stahl importieren", sagt der Wirtschaftsexperte Amir Alizadeh im Gespräch mit der Deutschen Welle. Alizadeh ist Leiter für Internationale Geschäfte bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ulm.


Irans Wirtschaft steht angesichts der internationalen Sanktionen unter enormen Druck. "Im Iran hofft man auf saudische Investitionen, aber auch auf die Rückkehr der wohlhabenden Touristen aus Saudi-Arabien", ergänzt Experte Alizadeh. "Auf der anderen Seite könnte Saudi-Arabien Petrochemie-Produkte in den Iran exportieren oder in der Lebensmittelindustrie investieren. In der Vergangenheit waren dagegen Irans wirtschaftliche Beziehungen zu Saudi-Arabien im Vergleich zu anderen Ländern der Region wie etwa zur Türkei oder den Vereinigten Arabischen Emiraten nie von großer Bedeutung."


Rivalität auf Kosten der Menschen im Nahen und Mittleren Osten


Seit der Islamischen Revolution von 1979 propagieren die schiitischen Machthaber in Teheran den Export der "Revolution gegen Unterdrücker und Imperialisten". In der Folge gibt es neben den religiösen auch politische und militärische Spannungen zwischen beiden Ländern.


Vorläufiger Höhepunkt war der Januar 2016: Damals brach das Königreich Saudi-Arabien die Beziehungen zum Iran ab. Zuvor hatten Demonstranten die saudischen diplomatischen Vertretungen im Iran gestürmt - eine Reaktion auf die Hinrichtung eines prominenten schiitischen Geistlichen in Saudi-Arabien. Der damals 56-jährige Nimr al-Nimr aus dem Osten Saudi-Arabiens hatte seine theologischen Studien im Iran abgeschlossen und immer wieder mehr Rechte für die diskriminierte schiitische Minderheit in seinem Heimatland gefordert.


Die Reaktion des Iran auf seine Hinrichtung war heftig. Ayatollah Ali Chamenei warnte das saudische Königreich vor der "Rache Gottes". Die Lage eskalierte auf Kosten der Menschen in der Region. Der Iran und Saudi-Arabien sind in regionale Konflikte verwickelt und unterstützen unterschiedliche Seiten - am deutlichsten in Syrien und im Jemen.


In Jemen mischte sich Saudi-Arabien an der Spitze einer Militärkoalition mehrerer arabischer Länder in einen innerjemenitischen Machtkampf ein und ließ regelmäßig jemenitische Städte bombardieren. Huthi-Milizen aus dem Jemen griffen im Gegenzug mit iranischen Drohnen Anlagen des Ölkonzerns Aramco an, der größten Ölgesellschaft in Saidi-Arabien. Aus diesen Konflikten sucht Saudi-Arabien einen gesichtswahrenden Ausstieg. Das würde das Leben vieler Menschen in der Region verbessern.


Im Schatten der USA


"Wenn die Verbesserung der bilateralen Beziehungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien zu einem besseren Zugang zu den heiligen Stätten führt, würden das meiner Meinung nach viele Iraner begrüßen", gibt Mohammad Ali Shabani auf Nachfrage der Deutschen Welle zu Protokoll. Er ist Experte für Internationale Beziehungen und Direktor bei dem auf den Mittleren Osten spezialisierten Londoner Onlinemedium Amwaj.media,


"Saudische Investitionen und saudischer Handel könnten auch der iranischen Wirtschaft helfen", so Shabani. Die Sache sei aber komplex, hauptsächlich aufgrund von Sanktionen der Vereinigten Staaten. Vieles werde dadurch begrenzt, dass die amtierende US-Regierung unter Joe Biden, die Kampagne des "maximalen Drucks" von Präsident Donald Trump fortsetze: "Auch einfache Iraner könnten von einer allgemeinen Verbesserung der Wirtschaftsbedingungen als Ergebnis gemeinsamer iranisch-saudischer Projekte in Drittländern profitieren. Aber noch einmal: Vieles davon wird von den US-Sanktionen abhängen", da ist sich der Experte für Internationale Beziehungen sicher.


Chinas Erfolg bei der Vermittlung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien stellt die Rolle der USA als traditionellen Vermittler im Nahen Osten infrage. Die starke Kopplung des US-Dollars mit der Weltwirtschaft hat sich aber trotz der Ankündigungen einiger Staaten, künftig mehr Geschäfte in chinesischer oder anderer Währung abzuwickeln, noch nicht grundsätzlich verändert.


Die USA begrüßen die Annäherung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Sie setzten sich aber auch für eine Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Israel ein. Die beiden Länder sind Verbündete der USA in der Region. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu betonte diese Woche den Wunsch nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Saudi-Arabien im Rahmen der sogenannten "Abraham Accords".


Saudi-Arabien allerdings hielt sich bisher mit einer Anerkennung Israels zurück - vor allem mit Verweis auf die Lage der Palästinenser. China will nun auch zwischen Israel und den Palästinensern vermitteln.


Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Welle

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