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"Was im Iran geschieht, ist feministische Weltgeschichte"

Seit Mitte September protestieren im Iran Menschen quer durch alle Altersgruppen, Ethnien, Schichten und Geschlechter entschlossen und solidarisch für ihre Rechte. Auslöser war der gewaltsame Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini, die von der iranischen Sittenpolizei festgenommen wurde, da sie ihren Hijab nicht "richtig" trug. Die Journalistin Gilda Sahebi erläutert, warum im Iran gerade feministische Weltgeschichte geschrieben wird und der Drang der Protestierenden nach Freiheit und Gleichheit nichts Westliches ist.

Seit dem Beginn der Proteste im Iran solidarisieren sich Menschen an zahlreichen Orten auf der Welt mit den Protestierenden.

In ihrem Buch „Mein Iran“ erzählt Shirin Ebadi von jenem Morgen, als sie die Tageszeitung Enghelab-e Eslami – übersetzt: Islamische Revolution, kein besonders kreativer Name – aufschlug. Aus der Zeitung erfuhr die spätere Friedensnobelpreisträgerin, dass sich ihr Leben und das aller Frauen im Iran mit einem Schlage verändern würde. Denn in der Zeitung war der Entwurf des islamischen Strafgesetzbuches abgedruckt, eines neuen Gesetzeswerkes, das die vermeintlich islamischen Moralvorstellungen der neuen Machthaber umsetzen sollte. In ihrem Buch schreibt sie: „Die grauenvollen Gesetze, gegen die ich den Rest meines Lebens ankämpfen sollte, starrten vom Papier aus zurück.“


Sie zählt auf, was diese Gesetze beinhalteten: Das Leben einer Frau sollte nur noch die Hälfte eines Mannes wert sein. Stirbt eine Frau bei einem Autounfall, erhält ihre Familie nur die Hälfte der finanziellen Entschädigung wie die Familie eines Mannes. Auch vor Gericht brauchte man von nun an zwei Frauen, um die Aussage eines Mannes aufzuwiegen. Frauen im Iran, so das Gesetzeswerk, benötigten außerdem die Erlaubnis ihres Mannes, um sich scheiden zu lassen. Und noch viel mehr. „Kurz gesagt, die Gesetze drehten die Uhr um 1400 Jahre zurück zu den frühen Tagen der Ausbreitung des Islam“, schreibt Shirin Ebadi in ihrem Buch.


So wie Shirin Ebadi wachten Millionen iranischer Frauen von einem Tag auf den anderen in einer dystopischen Welt auf. So beschreibt Ebadi, dass, war sie einen Tag zuvor noch in einer gleichberechtigten Ehe mit ihrem Mann, sie nun zu einer „gesetzlichen Habe“ wurde, während ihr Mann eine „Person“ bleiben konnte. Die Zwangsverschleierung, um die es heute in der Diskussion um die Proteste im Iran so oft geht, war und ist nur die äußerliche Verkörperung der Demütigung und Entrechtung aller Frauen im Iran.


Die Geschichte von Shirin Ebadi erklärt die Wut, die seit Mitte September auf den Straßen Irans zu sehen ist. Sie erklärt die Leidenschaft, mit der sich Frauen den Hijab vom Kopf nehmen, wegstecken, in der Luft schwingen, ins Feuer werfen. Sie erklärt den Mut, der die Menschen, Frauen, Männer, LGBTIQ-Personen, protestieren lässt, wissend, dass es sie ihre Freiheit und ihr Leben kosten kann. Denn: Sie wissen, dass ihnen etwas weggenommen wurde. Etwas, das ihnen zusteht. Die systematische Unterdrückung der Frauen, die letztendlich alle Menschen in ihrer Freiheit beeinflusst und beschränkt, ist für die Menschen im Iran nichts Gottgegebenes oder gar „normal“ – sondern sie ist die Folge von Entscheidungen einer Riege fundamentalistischer Kleriker.


Der Drang nach Freiheit ist nichts Westliches


Was im Iran geschieht, ist feministische Weltgeschichte. Und zwar unabhängig davon, wie der Fortlauf dieser Geschichte ist. Denn was die Frauen im Iran im Herbst 2022 beweisen, ist, dass der innere Drang von Frauen nach Freiheit, nach sexueller Selbstbestimmung und ihr Anspruch auf die fundamentalen Frauenrechte nichts ist, was vom „Westen“ kommt. Nach Jahrhunderten der Kolonisierung der Region des sogenannten Nahen Ostens wird in Europa und in Nordamerika noch immer das Bild von Gesellschaften gezeichnet, die rückständig seien. Diese Message erreicht uns nicht expressis verbis (außer sie kommt von ganz rechts). Sondern sie ist verpackt in Bildern, die uns über die Tagesschau erreichen und die Cover von Nachrichtenmagazinen schmücken. Auf denen man immer die chaotischen, vollbepackten Basare sieht, nie die modernen Büroräume. Auf denen man Frauen in unterwürfigen oder unscheinbaren Posen sieht, aber nie zupackend, entschlossen. Diese Message ist verpackt in politischen Debatten, zum Beispiel, wenn der ehemalige Außenminister Heiko Maas in einer Rede im Bundestag zum Abzug der Bundeswehr im Juni 2021 erklärt, was Deutschland in Afghanistan „erreicht“ habe. Die afghanische Zivilgesellschaft sei „in dieser Zeit selbstbewusster“ und sich ihrer Rechte „bewusst“ geworden. Menschenrechte seien in der Verfassung verankert, Frauen führen ein „viel freieres Leben“. Hier ist sie wieder, die implizite Message: Wir, der Westen, bringen denen, im Nahen Osten, Freiheit, Menschenrechte, Frauenrechte. Wir bringen ihnen etwas bei.


Nun zeigen es die Menschen, vor allem die Frauen, im Iran: Wir brauchen euch nicht, um zu verstehen, was Menschenrechte sind. Sie verstehen es nicht nur, sie setzen ihr Leben aufs Spiel, um diese endlich wieder zu erlangen. Das Netz ist geflutet von Bildern mit Schülerinnen, die zivilen Widerstand leisten. Auf einem Bild sieht man junge Schülerinnen von hinten, den Hijab abgenommen, die langen dunklen Haare über ihre Rücken fallend, wie sie sich an den Händen nehmen. Auf die Schultafel haben sie geschrieben: „Für meine Schwester, deine Schwester, unsere Schwester“. Sisterhood in ihrer Bestform, gezeigt von Mädchen, die in einem Staat geboren sind, der ihnen genau das von klein auf verboten hat. Und trotzdem sind sie groß geworden, mit dem Wissen von Generationen von Frauen vor ihnen, dass der einzige Weg für Frauen, frei zu sein, die Solidarität mit- und untereinander ist.


Wir heißen alle Mahsa Amini


So wie die Geschichte einer Schülerin aus dem ARD Weltspiegel. In ihrer Schulklasse nimmt sie ihren obligatorischen Hijab ab, und der Lehrer droht ihr, dafür von der Schule geworfen zu werden. Als er nach ihrem Namen fragt, sagt sie: Mahsa Amini. Und dann stehen alle anderen Schülerinnen auf und sagen: Wir heißen auch Mahsa Amini.


Diese Solidarität, und das ist neu, zieht sich durch alle Altersgruppen, durch alle Ethnien, durch alle Schichten – und sogar durch alle Geschlechter: Frau, Leben, Freiheit, der „weiblichste und zivilisierteste Slogan, der Frauen und Männer von Teheran bis Kurdistan vereint“, so drückte es die Frauenrechtlerin Mansoureh Shojaee gegenüber dem Handelsblatt aus. Es ist, als ob 43 Jahre gewaltsames Patriarchat dieses fast schon ursprüngliche Wissen um die Stärke der Solidarität, der Sisterhood, nicht nur nicht haben ausmerzen können – sondern es in diesen Frauen und Mädchen haben wachsen lassen. Der Tod von Jina Mahsa Amini hat diese Kraft bei vielen Menschen entfesselt.


In der ganzen Region schauen Menschen wie gebannt auf das, was im Iran geschieht. Anders als wir im Westen sind sie dort nicht überrascht, dass die Iraner*innen für Frauenrechte, für Menschenrechte kämpfen. Sondern sie sind überrascht, dass es Wirkung zeigt, dass das Regime wackelt, und vor allem, dass die Menschen nicht aufhören zu kämpfen – egal, wie brutal die Proteste niedergeschlagen werden. Sie sehen, dass Regimekräfte auf der Straße wahllos auf Menschen und sogar in Häuser hineinschießen. Sie sehen, dass junge Mädchen, die den Hijab abnehmen, verhaftet werden, gefoltert, vergewaltigt und getötet.


Sie sehen aber auch, dass die Familien dieser jungen Menschen nicht still sind, sondern alle anderen dazu aufrufen, weiterzumachen. So wie die Mutter von Nika Shakarami, einer 15-jährigen Jugendlichen, die brutal umgebracht und zuvor vermutlich gefoltert und vergewaltigt wurde. Ihre Mutter hielt am 2. Oktober, Nikas Geburtstag und wenige Tage nach ihrem Tod, ein Bild von Nika in die Kamera und gratulierte ihr zu ihrem Geburtstag und sie war stolz, dass ihre Tochter „Märtyrerin“ für die Freiheit geworden ist.


Von Kabul bis Teheran: „Frauen, Leben, Freiheit“


Die Menschen in der Region sehen, dass die Iraner*innen sich nicht niederknüppeln lassen, trotz der fast unvorstellbaren Gewalt, die das Regime seiner eigenen Bevölkerung antut. Die Protestbewegung im Iran zeigt schon jetzt, was für eine Kraft der Kampf für Rechte entfalten kann, die die Führungen dieser Länder, ob in Afghanistan oder im Iran, mit Verachtung abtun. Ende September fanden sich afghanische Frauen vor der iranischen Botschaft in Kabul ein, hielten Protestschilder hoch und riefen: „Frauen, Leben, Freiheit“ und „Von Kabul bis Iran, sagt Nein zur Diktatur!“ France 24 zitiert eine der Frauen mit den Worten: „Wir müssen diesen schrecklichen Regierungen ein Ende setzen. Die Menschen hier sind der Verbrechen der Taliban auch müde. Wir sind sicher, dass unser Volk genauso aufstehen wird wie das iranische Volk.“


Man stelle sich vor, welche Kraft sich erst entfalten könnte, sollte das iranische Regime tatsächlich fallen.


Es könnte der Beginn eines Umbruchs in der Geschichte dieser Region sein, der dazu führt, dass die Menschen sich der Fesseln entledigen, die ihnen Kolonialismus und ein diktatorischer Machthaber nach dem anderen angelegt haben. Wie lange ein solcher Umbruch dauert, Monate, Jahre, Jahrzehnte, das kann niemand voraussagen. Eines ist sicher: Sie haben die Kraft. Die Kraft, zu dem zurückzukehren, was alle Menschen sich wünschen, egal welcher Herkunft, egal welchen Geschlechts, egal welchen Orts: Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit.


Hintergrund:

Jina Mahsa Amini war kurdische Iranerin (Jina ist ihr kurdischer Vorname). Am 13. September 2022 wurde sie von der Sittenpolizei in Teheran verhaftet, weil sie ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß trug. Kurze Zeit später starb sie in einem Krankenhaus an den Folgen brutaler Gewalteinwirkung. Der gewaltsame Tod von Jina Mahsa Amini löste landesweite Proteste gegen das iranische Regime aus, die weiterhin anhalten. Unter dem Motto "Jin, Jiyan, Azadi" (kurdisch für "Frauen, Leben, Freiheit") protestieren seitdem Menschen quer durch alle Altersgruppen, Ethnien, Schichten und Geschlechter mutig und entschlossen für Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung.


Dieser Artikel erschien zuerst hier: heimatkunde.boell.de




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