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„Viele Diaspora-Iraner:innen sind aus dem Schlaf erwacht“



Kriselt der Aktivismus in der iranischen Diaspora? Ist der Diskurs tatsächlich toxisch, wie oft zu hören ist? Und welche Perspektiven hat das Bündnis rund um den  früheren Kronprinzen Reza Pahlevi und die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi? Die Journalistin Susan Zare, der Rapper Basstard, die Autorin Mehrnousch Zaeri-Esfahani und die Kinder- und Jugendbuchautorin Isabel Abedi im Interview.


Iran-Demo am 8. Januar 2023 in Köln.


Zum Jahresende haben sich Stimmen gemehrt, dass der Aktivismus in der iranischen Diaspora zur Unterstützung der Revolution kriselt oder gar stagniert. Dass es ein Diskurs unter IranerInnen und Exil-IranerInnen geblieben ist. Teilt ihr diese Einschätzung? 


Susan Zare: Tatsächlich empfand ich diese Stimmen als gar nicht so laut. Diese Revolution ist kein Sprint, sondern ein Marathon und auch die Solidarität im Ausland braucht Kraft und Ausdauer. Diese furchtbaren Nachrichten zu lesen und zu verarbeiten, braucht auch hier Resilienz, und jeder geht damit anders um. Ich denke, dass nach den letzten so starken Monaten es ganz natürlich ist, dass es auch mal kurze Phasen gibt, in denen der Aktivismus von Person zu Person mal weniger erscheint. Hier, finde ich, brauchen wir auch uns gegenüber Sanftmut. Jede Aktivist:in und Journalist:in hat nochmal eigene Schicksale, die es zusätzlich zu verarbeiten gilt. Ob das Familie und Angehörige im Iran sind, oder der eigene psychische Umgang mit all dem Leid. Daher finde ich ist es falsch zu verurteilen. Hier sollten wir eher gemeinsam schauen, wie wir strategisch noch mehr für Aufmerksamkeit und Konsequenz sorgen können.


Susan Zare ist deutsch iranische freie Moderatorin und Hörfunk-Journalistin. Seit 15 Jahren moderiert sie im Radio, vor der Kamera, auf Bühnen und digital im Netz.

Basstard: Ja, natürlich kommen irgendwann Ermüdungserscheinungen durch. Wenn man sich vier Monate lang täglich, in jeder freien Minute, mit Entführung, Folter, Vergewaltigung und Mord beschäftigt, ist man irgendwann einfach mental am Ende. Trotzdem sehe ich jeden Tag Menschen, die sich gegenseitig wieder aufbauen und motivieren, weiter zu machen. Ich sehe auch Fürsorge untereinander, wenn ich z.B. extrem viele Storys poste, kommt jemand und sagt: „Hey, du hast heute viel geschafft, gönn dir mal ‘ne Pause, damit du Morgen immer noch fit bist.“ Wir haben mit so viel Menschenverachtung und Hass zu tun, gleichzeitig bauen wir uns mit Liebe wieder auf.


Mehrnousch Zaeri-Esfahani: Zum Jahresende, in der dunklen Zeit, kehren wir in uns und machen eine Inventur der Ereignisse und Gefühle. Die Aktivitäten verlagern sich oft von außen nach innen, um neue Kraft zu schöpfen und weiser und stärker weiterzumachen.


Isabel Abedi: Ich hatte Weihnachten einen schweren Hexenschuss, nach dem Versuch, eine alte persische Truhe allein die Treppen hochzutragen. Dieses Erlebnis war für mich sehr symbolisch und trifft auf das, was auch Du beschreibst. Ich war äußerlich ruhig gestellt, innerlich tobten Gedanken und Gefühle, ein Schweben zwischen Resignation und Zuversicht – vor allem aber der Wunsch nach Sanftmut. Ich mag dieses Wort sehr. Weil Sanftheit und Mut keine Gegensätze sind. Und weil Stillstand manchmal so wichtig ist, um wieder neu in Gang zu kommen. In jeder Krise steckt auch immer eine Chance.


Mehrnousch Zaeri-Esfahani: Ja, genauso empfinde ich es auch. Wie du sagst, hier kann man nicht von Krise sprechen, sondern von einer kraftvollen Häutung, Metamorphose, Entwicklung...


Isabel Abedi: Und was das „Exil“ hier und das Inland drüben betrifft: Geht es in Iran nicht gerade vor allem ums Weiterleben? Ums Überleben? Und immer wieder neu auch ums Sterben? Eigentlich wünsche ich mir gerade am allermeisten: Wertschätzung, Bestärkung und Empathie von nicht-iranischen Menschen. Und ein „Diskurs“ ist doch im Grunde ein „hin und her gehendes Gespräch“. Das können wir uns hier im Westen leisten – sogar öffentlich – ohne dafür unser Leben zu riskieren. Wie siehst du das?


Mehrnousch Zaeri-Esfahani: Absolut! Natürlich haben jene Iranischstämmigen und deren Unterstützer:innen in der Diaspora die Möglichkeiten und Freiheiten, demokratische Diskurse zu führen, die das iranische Volk im Inland durch Zensur und Diktatur nicht hat. Wenn nicht im Exil offen und ohne Tabus diskutiert, seziert, gestritten, schlussgefolgert wird, wo dann? Das ist notwendig, und das ist ein wichtiges Schwert, das nur wir hier schmieden können. Warum soll das  infrage gestellt oder wiederum diskutiert werden?


Es ist viel die Rede davon, dass die Debatte im Ausland immer toxischer wird. Ist das so? Was kann dagegen getan werden?


Basstard: Oft habe ich toxische Debatten im Zusammenhang mit entgegengesetzten politischen Zielen erfahren. Einer will die Monarchie zurück und hält alle anderen für Kommunisten oder Volksmudschahedin, der andere ist Nationalist und sieht hinter jeder Solidarität für Kurden eine Spaltung. Diese Debatten waren 43 Jahre lang unser großes Problem – es ist wie ein Wunder, dass mit dem Mord an Jina Mahsa Amini plötzlich so viele Diaspora-Iraner aus dem Schlaf erwacht und solidarisch, klassen- und altersübergreifend gemeinsam aktiv geworden sind. Ich denke, der große Konsens ist hier eine freiheitlich demokratische Grundordnung nach der IR, und daran müssen wir festhalten. Diese toxischen Debatten nehme ich, zum Glück, nur von Einzelpersonen wahr. Die Masse, sowohl im Iran als auch im Ausland, hat kein Problem damit, sich mit den Kurden oder Balutschen zu solidarisieren und steht einer erneuten Monarchie oder den Volksmudschahedin sehr skeptisch gegenüber.


Basstard (Nima Najafi Hashemi), Solo-Musiker und Teil der Rapgruppe ZOMBIEZ/ Graffiti-Künstler/ Ton- und Veranstaltungstechniker.

Isabel Abedi: Zunächst einmal kann ich mich in einer offenen Gesellschaft dafür entscheiden, für was ich mich öffnen will. Ich kann auf die toxischen Debatten blicken, die zeigen, dass in einem derartigen Balanceakt die Dinge - und Menschen – selbstverständlich auch mal aus dem Gleichgewicht kommen. Ich kann aber auch auf all den Zusammenhalt, auf all den Support blicken, den zum Beispiel Maryam Blumenthal in einem ihrer letzten Beiträge auf Instagram mit glühenden Dank beschrieben hat. Ich kann mich da nur anschließen. Mein überwiegendes Gefühl gegenüber der Diaspora ist gerade vor allem: Dankbarkeit. Das stärkt mich. Das bringt mich weiter. 


Mehrnousch Zaeri-Esfahani: Wenn man in die 80er Jahre zurückkehrt, erkennt man die jahrzehntelange Stagnation und überwiegend gegenseitige Schuldzuweisungen oder sogar Verachtung für die jeweils anderen Gruppen. Viele der ersten Generationen in der Diaspora waren zu stolz oder zu patriotisch, um die politische, ethnische und gesellschaftliche Vielfalt des iranischen Volkes und der iranischen Diaspora wertschätzend anzuerkennen. Dies führte zu einer sehr bedauernswerten Splitterung der Exil-Community. Viele aus der zweiten Generation und der Generationen danach konnten von Jahr zu Jahr immer weniger mit diesen Anfeindungen etwas anfangen. Man gewöhnte sich langsam an diese Situation und jeder und jede hatte ein eigenes Leben aufgebaut. Wir waren alle eingeschlafen. Und dann geschah ab dem 16. September das Wunder. Wie hast Du das empfunden, Isabel, die den wertvollen Blick von außen hat, die unvoreingenommen plötzlich ab Mitte September in den Strudel hineingezogen ist? Wie hast Du diese neue Einheit, dieses Wunder erkannt? Gibt es Bilder, die du gesehen hast? Du bist eine unfassbar gute Beobachterin…


Isabel Abedi: Eigentlich fühle ich mich gerade vor allem wie ein Kind, das an die Hand genommen wird. Von neu gefundenen Schwestern wie Dir. In mir ist – neben all dem Schrecken - auch ganz viel Staunen. Und ich empfinde es wie eine Art Erwachen. In mir selbst, aber auch im Außen. Du und ich haben zeitgleich eine beeindruckende Entdeckung gemacht. Wir haben uns durch die Instagram-Accounts aus der Diaspora nach „unten“ gescrollt, in die Zeit vor dem Mord an Jina Amini. Ihr Bild trennt fast magisch die Zeit in ein „davor“ und ein „danach“. Wo vorher Mode, Bücher, Autos, lachende Selfies beim Sport, im Park, im Urlaub ... zu sehen waren, hat sich ab Mitte September 22 der Scheinwerfer auf die Menschen in Iran – und auch Afghanistan und Kurdistan gerichtet. Ich entdecke so viele Menschen, so viele Schicksale, die so viele Jahre im Dunklen lagen. Jetzt sind sie im Licht. Mich berührt das tiefer, als ich es hier in Worte fassen kann. Und ich empfinde es alles andere als toxisch. Es ist oft zutiefst schmerzhaft, ja. Aber langfristig, das glaube ich fest, ist es heilsam.




Basstard: Ich würde das nicht so kritisch sehen. Vielmehr würde ich die positiven Entwicklungen betrachten und darauf aufbauen. Uns war von Anfang an klar, dass dies ein langer Kampf werden wird. Wir stehen nach diesen harten vier Monaten nicht mehr ganz am Anfang, aber auch noch lange nicht am Ziel. Wir haben untereinander Vertrauen aufgebaut und haben gemerkt, dass wir sehr viele sind, dass wir großen Einfluss haben können und dass wir dieselben Ziele verfolgen. Das ist unglaublich wertvoll und eine großartige Grundlage, um darauf aufzubauen. 


Isabel Abedi: Ich bin in Deutschland geboren. Ich bin in einem deutschen Umfeld aufgewachsen. Mein iranischer Vater und mein iranisches „Vaterland“ waren meine ganze Kindheit hindurch ein Tabu. Damit muss ich erstmal klarkommen. Aber ich habe noch nie eine Revolution erlebt. Du schon, Mehrnousch. Du, meine Schwester im Geiste, hattest eine andere Kindheit als ich. Wie lautet deine Antwort auf die Frage?


Mehrnousch Zaeri-Esfahani, geboren 1974 im Iran, verließ zusammen mit Eltern und Geschwistern ihre Heimat. Nach 17jähriger Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit betätigt sie sich heute als Autorin, Storyteller und Referentin für Diversity.

Mehrnousch Zaeri-Esfahani: Dazu kann ich nichts Professionelles sagen. Ich bin weder Politikerin, noch Generalin, Soziologin oder Psychologin. Ich weiß aber mit Gewissheit, dass man hier weder von „passiv“ noch von „Exil-Messias“ reden kann. So viele Iranischstämmige aller Klassen, Ethnien und aller religiösen und politischen Richtungen blicken seit vier Monaten in der Diaspora nur in eine Richtung. Richtung Licht und Hoffnung. Viele von uns sind am Rande der Erschöpfung und aktiver denn je. Ich habe das Gefühl, dass kaum jemand noch einem Messias vertrauen oder die ganze Macht überlassen würde.  Bei der letzten Revolution, die ich im Iran erlebte, war ich fünf Jahre alt. Im Nachhinein denke ich nur: Was hat es uns gebracht, dass wir damals, durch westliche Akteure wie z.B. die britische BBC gelenkt und wunderbar choreografiert wurden? Was hat es gebracht, dass es eine charismatische Führungsfigur, Chomeini, gab? Die Antworten kennen wir alle. Vielleicht spüren wir alle, dass eine Zentralisierung genau die Achillesferse wäre.


Die westlichen Medien würdigen zwar in den Jahresrückblicken die Revolutionsbewegung, die Berichterstattung scheint aber insgesamt an Intensität abzunehmen. Was tun? 


Susan Zare:  Auch in den kommenden Wochen wird es darum gehen, zu vermitteln, dass dies eben ein langer Weg ist und kein kurzer, die Aufmerksamkeitsspanne in den Medien ist naturgemäß nie lang. Daher müssen wir weiter dafür sorgen zu vermitteln, was diese Revolution auch für Deutschland bedeuten könnte, weiter versuchen, die Komplexität der Sache selbst greifbar zu machen und auch weiter versuchen, die aktuellen Punkte in den Leitmedien zu halten. Als jemand, der selbst als Moderatorin und Journalistin arbeitet, glaube ich, dass vieles davon auch weiter in den Redaktionen selbst passieren wird und es hier weiter gilt, Brücken zu bauen und Themen zu setzen. 


Basstard: Natürlich wollen die Medien immer etwas Neues. Wenn alle paar Wochen jemand hingerichtet wird, ist es, so hart es klingt, für die Medien irgendwann nicht mehr relevant genug. Das haben wir nicht immer in der Hand, aber wir können auch aktiv werden und durch medienwirksame Aktionen neue Schlagzeilen schaffen. Wir können die Medien auf unsere eigenen Recherchen aufmerksam machen, denn viele von ihnen haben gar nicht die Kapazitäten, um sich so tief in das Thema zu graben, wie wir es tun. 


Mehrnousch Zaeri-Esfahani: Natürlich können seriöse Medien hier nicht regelmäßig berichten. Das wäre absolut naiv, dies zu erwarten. Die Menschen, die sich informieren wollen, können dies auf verschiedenen Kanälen und online tun. Die großen Zeitungen und Sender haben ganze Mediatheken gefüllt mit allem, was man wissen und erfahren kann. Hier muss gar nichts getan werden. Außerdem würde eine ständige Berichterstattung die Menschen hier erschöpfen. Wir wissen doch alle, dass viele Menschen hier eine gewisse Ohnmacht empfinden gegenüber allem Leid, was sie von der Welt berichtet bekommen. Ohnmacht führt zu Angst und Angst treibt die Menschen in die Arme radikaler Gruppierungen und Heilsbringer. Die Menschen hier müssten von den Medien mehr von der Power, von der Schönheit der iranischen Revolution erfahren, mehr von diesem globalen Wiedererwachen.


Isabel Abedi, 1967 in München geboren, arbeitete 13 Jahre lang als Werbetexterin. Mit Jugendbüchern wie „Whisper“ und der Kinderbuchserie „Lola“ avancierte sie zu einer der beliebtesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen.

Isabel Abedi: Ich komme gerade von einer Demonstration, die heute an vielen Orten stattgefunden hat, zum Tag, an dem sich der Abschuss des Flugzeugs PS752 das dritte Mal jährt. Ich war auch gestern auf einer Demonstration, am Tag der Hinrichtung von Mohammad Mehdi Karami und Mohammad Hosseini. Ich wünsche mir inständig, dass die Berichterstattung wieder kräftig Fahrt aufnimmt. Und: Es gibt nicht nur den Schrecken. Es gibt auch so viel Liebe. Schokolade, Blumen und kleine Botschaften, die auf den Straßen verteilt – oder aus den Gefängnissen heraus in die Welt getragen – werden. Die Symbolik, die hinter all dem steckt. Poesie. Literatur. Musik. Tanz. Der Einsatz hier in der Diaspora. Die unermesslich große Arbeit von Menschen wie Daniela Sepehri, Marjam Clasen und Mina Khani für die politischen Patenschaften. Die unermüdliche Berichterstattung von Menschen wie Gilda Sahebi, Susan Zare und so vielen anderen. Die Kraft, die Düzen Tekkal und Hawar help uns allen täglich mit ihren Beiträgen geben. Und all die „kleinen“ Menschen, die im Unerkannten so viel beitragen. Mir würden 1001 Themen einfallen, über die die deutsche Presse berichten könnte.


Was kann das nächste Etappenziel sein, das die AktivistInnen im Ausland ansteuern?


Susan Zare: Ich denke, dass es weiter darum geht, Einigkeit zu zeigen und den Menschen im Iran zu zeigen, dass wir sie hier sehen.  In den aktuellen Schritten wird es meiner Meinung nach vor allem um politischen Druck gehen. Es geht darum , die Politik Europas zu fordern, schnell und konsequent Druck auszuüben durch stärkere Sanktionen und ein wirkliches Ende der Kommunikation mit dem Regime.


Basstard: Den Druck auf die Islamische Republik erhöhen, indem z.B. die IRGC auf die Terrorliste kommt. Wir müssen den Mullahs den Geldhahn abdrehen, damit ihre Maschinerie zum Stehen kommt. Sie haben eine unglaublich große Anzahl von Mittätern, die auf der Gehaltsliste stehen, wenn die Zahlungen ausbleiben, sinkt ihre Legitimation und das ganze System könnte implodieren. Ich glaube, das ist die effektivste Hilfe, die wir aus dem Ausland bieten können. 


Mehrnousch Zaeri-Esfahani: Es gibt keine Etappenziele. Es gilt, im Jetzt und Hier weiterzumachen mit all den wichtigen Petitionen, wie etwa zur Listung der Revolutionsgarden auf die Terrorliste oder die Werbung für Patenschaften. Es gilt, aufrecht weiterzugehen und jeden Tag emotional zu überstehen und mit jedem Schmerz stärker zu werden, die Waffen zu schmieden, die wir hier schmieden können. Die Etappen geben uns unsere Brüder und Schwestern im Iran vor.


Bekannte iranische Regimegegner wie der frühere Kronprinz Reza Pahlevi, die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die Frauenrechtlerin Mahsi Alinejad, die Schauspielerin Golshifteh Farahani und der Aktivist Hamed Esmaeilion haben offenbar ein neues Oppositionsbündnis gegründet. Wie schätzt ihr die Perspektiven ein?


Susan Zare: Ich finde es schwierig, darüber ein Urteil zu fällen. Zunächst einmal muss man konstatieren, dass ihr Auftreten in Einigkeit eine große, starke Message für Iraner:innen im In- und Ausland darstellt. Da hier durch diese Persönlichkeiten verschiedene politische Lager zeigen: Wir ziehen gemeinsam an einem Strang für ein gemeinsames Ziel. Letztlich müssen wir immer wieder sagen: Im Iran und auch versteckt weltweit gibt es so viele politische, intellektuelle Köpfe, die gerade in großer Gefahr sind. Ich denke, dass, wenn die Revolution vorangegangen ist, wir mehr von ihnen hören und im Land selbst sich viele Menschen finden werden, die gemeinsam an einer politischen Zukunft des Landes arbeiten werden. Ob das dann gemeinsam mit Köpfen der Diaspora passieren wird, müssen wir dann sehen.


Basstard: Grundsätzlich ist das eine positive Nachricht. Ich persönlich halte Reza Pahlavi zwar nicht für besonders glaubwürdig, weil er und seine Familie sich nie kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben, und ich glaube, er ist auch der größte Schwachpunkt dieser Koalition, aber ich will dennoch versuchen, es unvoreingenommen zu betrachten und zu schauen, wie sich das ganze entwickelt. Es war sicher nicht leicht, zu einem Konsens zu gelangen, und solange niemand nach Macht strebt und das Anliegen dieser Opposition, ein Ermöglichen des Umsturzes hin zu einer Demokratie ist, will ich mich nicht beschweren.


Mehrnousch Zaeri-Esfahani: Diese Koalition ist ein Schritt, von dem ich nicht einmal gewagt hätte, zu träumen. Die Personen sagen selbst, dass sie nicht regieren möchten. Dies wünsche ich mir. Eine Demokratie aufbauen und regieren können nur die Menschen, die im Iran leben. Wenn sie dies ernst meinen – und diesen Akteuren der Koalition traue ich dies zu –, haben sie einen Meilenstein der erfolgreichen Revolution im In- und Ausland geschaffen. Die Welt sieht jetzt, dass wir Iranischstämmigen in der Diaspora es ernst meinen. 


Isabel Abedi: Hier fällt mir eine Antwort sehr schwer. Ich selbst muss noch die Frage leben, ich muss viel zuhören, viel lesen, viele Meinungen einsammeln – und viele, viele Fragen stellen. Zum Beispiel: ob nicht auch noch Mitglieder aus dem Exil gefunden werden müssten, die aktiv die Interessen der Marginalisierten im Iran vertreten? Ich wünsche mir überhaupt, dass mehr Menschen nachfragen, bevor sie uns gleich mit Meinungen überschütten. Und statt „einzuschätzen“, was gerade passiert, möchte ich viel lieber „wertschätzen“, dass gerade so viel passiert.



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